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Arzneimittel in der Schwangerschaft
Seit Anfang der sechziger Jahre sollte eigentlich jeder die Gefahr kennen, die von Arzneimitteln in der Schwangerschaft ausgehen kann: Kinder mit missgebildeten Armen und Beinen kamen zur Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das vermeintlich harmlose Beruhigungsmittel Thalidomid, eingenommen hatten.
Dennoch spielt die Selbstmedikation bei Schwangeren nach wie vor eine bedeutende Rolle. Untersuchungen zufolge nehmen 80 bis 90 Prozent aller Schwangeren Arzneimittel ein, und nur etwa 30 Prozent der verwendeten Medikamente werden ärztlich verordnet. Apotheker sind daher in besonderer Weise gefragt, mit ihrer Sachkenntnis die Anwendung risikoreicher Arzneimittel zu verhindern.
Schwangere können nicht grundsätzlich auf Arzneimittel verzichten. Denn unbehandelte Krankheiten der Mutter können das Kind bleibend schädigen. Bei einer schwangeren Diabetikerin zum Beispiel mindert erst die Insulintherapie das Risiko für Missbildungen des Kindes oder für Fehlgeburten. Auch bei einer schweren Infektion bewahrt ein Antibiotikum die Schwangere und ihr Kind vor möglicherweise schweren Folgen. Je harmloser aber eine Erkrankung ist, desto gründlicher muss der Einsatz eines Medikamentes überdacht werden. Wenn möglich sollte immer ein Arzt befragt werden. Rat suchende Frauen dürfen in der Apotheke nicht alleine gelassen werden. Ein fachlich versierter Rat ist besser als der vermeintlich gute Tipp der Freundin oder Nachbarin.
Präparate mit nur einem Wirkstoff bevorzugen
Das größte Risiko einer schwerwiegenden Missbildung besteht in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten. In dieser Zeit müssen Schwangere mit verdächtigen Stoffen besonders vorsichtig sein. Bei neuen Wirkstoffen ist es besonders schwierig, die Gefahren abzuschätzen, da alle Erfahrungen allein auf Tierversuchen basieren. Studien an Schwangeren sind verständlicherweise nicht erlaubt, so dass eingeschränktes Datenmaterial vorliegt. Daher sollten nur altbewährte Wirkstoffe ausgewählt werden.
Die Kombination mehrerer Arzneistoffe erschwert es zusätzlich, das Risiko abzuschätzen. Monopräparate sind immer zu bevorzugen. Grundsätzlich sollte eine Arzneimitteltherapie möglichst kurz und in niedriger, jedoch therapeutisch erforderlicher Dosierung durchgeführt werden
Verstopfung sicher beheben
In der Schwangerschaft ist der Tonus und die Motilität der glatten Muskulatur des MagenDarmTraktes reduziert. Diesen Effekt ruft das schwangerschaftserhaltende Hormon Progesteron hervor. Er setzt schon bald nach dem Ausbleiben der Regel ein. Als Folge erhöht sich die Passagezeit, der Darm wird träger, und kommt zur Obstipation. Als erste Maßnahme ist eine ballaststoffreiche Kost, hohe Flüssigkeitszufuhr und, falls möglich, ausreichend körperliche Bewegung zu empfehlen. Nur wenn der Stuhl hart und trocken bleibt, die Entleerung schmerzhaft ist und der Stuhlgang seltener als dreimal wöchentlich erfolgt, sollten Abführmittel eingesetzt werden.
Alle Füll und Quellstoffe wie Weizenkleie oder Leinsamen sind in der Schwangerschaft zu bevorzugen. Wichtig ist auch hier das Trinken ausreichender Flüssigkeitsmengen.
Sodbrennen quält Schwangere
Ebenfalls schwangerschaftstypisch ist eine Funktionsstörung der Speiseröhre, so dass es zu einem Rückfluss des Mageninhaltes und zu Sodbrennen kommt. Zunächst sollten Schwange re alle Speisen und Getränke meiden, die auch bei Gesunden Sodbrennen auslösen können wie Kaffee oder Schokolade. Die betroffenen Frauen sollten sich nicht direkt nach den Essen hinlegen und nachts mit erhöhtem Oberkörper schlafen.
Falls diese einfachen Maßnahmen das Sodbrennen nicht beheben, können Antazida(säurebindende Präparate) gegeben werden. Wie sich das in Antazida enthaltene Aluminium auf das ZentraInervensystern des Kindes auswirkt, wird kontrovers diskutiert. Daher sind Präparate zu bevorzugen, aus denen das Aluminium nur gering resorbiert wird
Viele Schwangere leiden unter Übelkeit
Morgendliche Übelkeit ist für viele Frauen eines der ersten Anzeichen ihrer Schwangerschaft. Schätzungsweise leiden 50 bis 70 Prozent aller Schwangeren unter Übelkeit und die Hälfte zusätzlich unter Erbrechen. Das erste Mal tritt sie gewöhnlich zwei bis vier Wochen nach der Empfängnis auf und verschwindet zwischen der 12. und 16. Schwangerschaftswoche. Zu empfehlen sind kleine Mahlzeiten in kurzen Abständen. Schon vor dem Aufstehen sollten die Betroffenen ihre Morgenmahlzeit oder zumindest eine Kleinigkeit wie trockene Kekse im Bett liegend essen.
Leichte Formen der Übelkeit bedürfen keiner Therapie. Nur selten ist das Erbrechen so stark, dass ein Klinikaufenthalt notwendig wird. In diesen schweren Fällen, der so genannten Hyperemesis gravidarum, ist der Einsatz eines Antiemetikums gerechtfertigt. Kein im Handel befindliches Antiemetikum scheint ohne Risiko zu sein. Dimenhydrinat beispielsweise wird ein wehenfördernder Effekt nachgesagt. In der Naturheilkunde wird Ingwer eine gute Wirksamkeit bei Übelkeit zugesprochen. Das für die Indikation der Reiseübelkeit im Handel befindliche Ingwerpräparat hat keine Zulassung für die Schwangerschaftsübelkeit.
Was tun bei Schmerzen
In der Frühschwangerschaft klagen einige Frauen über Kopfschmerzen, die durch eine Erweiterung der Blutgefäße im Hirn ausgelöst sein können. Bei manchen Migräne -Patientinnen bessert sich die Migräne im Verlauf der Schwangerschaft. Falls ein Schmerzmittel unverzichtbar ist, sollte allerdings nur kurzfristig therapiert werden. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
Untersuchungen zufolge erzeugten Salicylate bei einigen Tierarten in hoher Dosierung Missbildungen. Die langen Erfahrungen mit Acetylsalicylsäure (ASS) beim Menschen bestätigten diese Beobachtungen nicht. Im letzten Schwangerschaftsdrittel darf ASS jedoch nur mit Vorsicht angewendet werden. Zu berücksichtigen ist ihr wehenhemmender Effekt, der mögliche vorzeitige Schluss der Verbindung zwischen Aorta und Pulmonalarterie beim ungeborenen Kind (Ductus arteriosus Botalli) und die verlängerte Blutungszeit. Werdende Mütter mit ei ner Erkältung sollten möglichst auf Arzneimittel verzichten. Statt dessen lautet die Empfehlung: reichlich zu trinken und beispielsweise ein Kamillendampfbad zu inhalieren. Falls diese Maßnahmen aber ohne Erfolg bleiben, sollten Sie den fachlichen Rat suchen.
Bei speziellen Fragen hilft weiter:
Beratungsstelle für Embryotoxikologie, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin Tel.: 0 30/30 68 67 34
Vor der Empfehlung pflanzlicher oder homöopathischer Präparate sollte deren Alkoholanteil berücksichtigt werden. Niemand weiß genau, ab welcher Alkoholdosis das Kind im Mutterleib geschädigt wird. Auch geringe Mengen könnten gefährlich sein. Deshalb sollten Schwangere alkoholhaltige Arzneimittel und alkoholische Getränke grundsätzlich meiden.
Heuschnupfen behandeln
Eine unter Heuschnupfen leidende Patientin wird auch in der Schwangerschaft von ihrer Erkrankung nicht verschont bleiben. Als Arzneimittel zu empfehlen ist Cromoglicinsäure, da sie nicht resorbiert wird und als unbedenklich gilt. Mittel der Wahl für Heuschnupfengeplagte Schwangere sind deshalb Cromoglicinsäurehaltige Nasen und Augentropfen. Nasentropfen mit Alpha-Sympathomimetika sollten allenfalls kurzfristig eingesetzt werden. Bei Risiko Patientinnen mit erhöhtem Blutdruck müssen mögliche Auswirkungen auf Herz und Kreislauf bedacht werden.
Als Rhinopathia gravidarum bezeichnen Mediziner die bei vielen Schwangeren auftretende behinderte Nasenatmung. Um wieder beschwerdefrei durchatmen zu können, wenden Schwangere Nasentropfen oft längerfristig an, weshalb die Problematik eines Dauergebrauches bei der Abgabe angesprochen werden muss.
Bei Allergien sollten Antihistaminika äußerst zurückhaltend eingesetzt werden. Für die neueren, nichtsedierenden Antihistaminika liegen noch keine ausreichend dokumentierten Erfahrungen in der Schwangerschaft vor.
Vitaminsubstitution bedenken
Ihren erhöhten Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sollten Schwangere möglichst durch eine ausgewogene Ernährung decken. Eine unkritische Einnahme von Multivitamin oder Kombinationspräparaten zur Nahrungsergänzung ist nicht sinnvoll und für einige Bestandteile sogar gefährlich. Vitamin A Säurederivate gehören zu den stärksten derzeit bekannten teratogenen Substanzen. Vor einer AkneTherapie mit diesen Präparaten muss eine Schwangerschaft sicher ausgeschlossen werden. Weniger bekannt ist, dass Vitamin A in hohen Dosen ebenfalls Missbildungen auslösen kann. Daher lautet die Empfehlung für Schwangere: Die tägliche Zufuhr sollte mehr als 6000 LE. nicht überschreiten. Vor dem Verzehr von Leber muss gewarnt werden, da Leber extrem hohe Dosen an Vitamin A enthalten kann. Ebenfalls vermieden werden sollte eine überhöhte Zufuhr von Vitamin D.
Folsäure hilft nur zu Beginn
Polsäure ist dagegen eindeutig zu empfehlen. Studien zufolge senkt Folsäure im Zeitraum von etwa vier Wochen vor der Empfängnis bis ungefähr acht Wochen danach das Risiko für einen Neuralrohrdefekt um bis zu 70 Prozent. Neuralrohrdefekte gehören zu den häufigsten schweren angeborenen Missbildungen. Sie treten im Bereich des Kopfes als teilweises oder komplettes Fehlen des Großhirnes oder als Fehlbildungen der Wirbelsäule und des Rückenmarkes (Spina bifida, »offener Rücken«) auf. Frauen mit Kinderwunsch ist zu raten, direkt nach Absetzen empfängnisverhütender Maßnahmen mit der Einnahme zu beginnen. Bei einem acht Wochen alten Embryo ist das Neuralrohr geschlossen, und die Substitution kann beendet werden.
Da Deutschland als Iodmangelgebiet gilt, wird Schwangeren die prophylaktische Einnahme von Jodid Tabletten empfohlen. Ein Jodmangel in der Schwangerschaft kann beim Kind zu Schilddrüsenunterfunktion bis hin zu geistiger Behinderung unterschiedlichen Ausmaßes führen. Um die Entwicklung nicht zu gefährden, sollten die Frauen täglich Jod über die Nahrung oder in Tablettenform substituieren.
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